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<title>Nottebohm-Fall</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Nottebohm-Fall</span></h1>
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</div>
<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Der <b>Nottebohm-Fall</b> war ein Rechtsstreit zwischen <a href="Liechtenstein" title="Liechtenstein">Liechtenstein</a> und <a href="Guatemala" title="Guatemala">Guatemala</a>, der vor dem <a href="Internationaler_Gerichtshof" title="Internationaler Gerichtshof">Internationalen Gerichtshof</a> (IGH) ausgetragen wurde und mit dem Urteil vom 6. April 1955<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> endete. Er behandelte die Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Staat für seine <a href="Einb%C3%BCrgerung" title="Einbürgerung">eingebürgerten</a> Staatsangehörigen <a href="Diplomatisches_Schutzrecht" title="Diplomatisches Schutzrecht">diplomatischen Schutz</a> gewähren kann. Der IGH stellte diesbezüglich völkerrechtliche Mindestanforderungen für die Zuerkennung von Staatsangehörigkeit fest, die auch über den konkreten Fall hinaus Bedeutung erlangten.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Ausgangsfall">Ausgangsfall</h2></div>
<p>Der deutsche Kaufmann <i>Friedrich Nottebohm</i> (* 16. August 1881 in <a href="Hamburg" title="Hamburg">Hamburg</a>, † 28. Januar 1956)<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> war im Jahre 1905 nach Guatemala ausgewandert, wo er mit seinen Brüdern in den Bereichen Handel, Bankwesen und Plantagen (vor allem <a href="Guatemala#Export" title="Guatemala">Kaffeeanbau</a>) tätig wurde. Das Geschäft florierte und <i>Nottebohm</i> übernahm 1937 die Geschäftsleitung.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Im April 1939 kehrte er nach Deutschland zurück. Anlässlich eines Besuchsaufenthalts im Oktober 1939 in Liechtenstein beantragte er die <a href="Liechtensteinische_Staatsangeh%C3%B6rigkeit" class="mw-redirect" title="Liechtensteinische Staatsangehörigkeit">liechtensteinische Staatsangehörigkeit</a> im Wege der <a href="Einb%C3%BCrgerung" title="Einbürgerung">Einbürgerung</a>, obwohl er dort zuvor nie gelebt hatte und außer einem dort lebenden Bruder keine persönlichen und geschäftlichen Verbindungen zu Liechtenstein hatte. Er verfügte aber weiterhin über familiäre und geschäftliche Beziehungen zu Deutschland.
</p><p>Unter Verzicht auf das für eine Einbürgerung bestehende Erfordernis eines dreijährigen Voraufenthalts angesichts seiner Bereitschaft, insgesamt 37.500 <a href="Schweizer_Franken" title="Schweizer Franken">Schweizer Franken</a> an die Gemeinde <a href="Mauren_(Liechtenstein)" title="Mauren (Liechtenstein)">Mauren</a> und den Staat Liechtenstein zu zahlen<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>, wurde seinem am 9. Oktober 1939 gestellten Einbürgerungsantrag schon am 13. Oktober 1939 entsprochen. <i>Nottebohm</i> verlor dadurch seine <a href="Deutsche_Staatsangeh%C3%B6rigkeit" title="Deutsche Staatsangehörigkeit">deutsche Staatsangehörigkeit</a><sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> und verließ Liechtenstein im Januar 1940 nach Erhalt des liechtensteinischen <a href="Reisepass" title="Reisepass">Reisepasses</a> mit einem <a href="Visum" title="Visum">Visum</a> für Guatemala ausgestattet wieder in Richtung Guatemala. Die Staatsangehörigkeit Guatemalas erwarb <i>Nottebohm</i> trotz seines dortigen langjährigen Aufenthalts und seiner erheblichen wirtschaftlichen Aktivitäten nie.
</p><p>Nach seiner Rückkehr erklärte Guatemala dem <a href="Deutsches_Reich" title="Deutsches Reich">Deutschen Reich</a> am 11. Dezember 1941 den Krieg. Im Rahmen der Deportation von Deutschen aus <a href="Lateinamerika" title="Lateinamerika">Lateinamerika</a> während des <a href="Zweiter_Weltkrieg" title="Zweiter Weltkrieg">Zweiten Weltkriegs</a>, bei der die <a href="USA" class="mw-redirect" title="USA">USA</a> mit verschiedenen lateinamerikanischen Ländern zusammenarbeiteten, um über 4000 Personen deutscher Abstammung oder Staatsangehörigkeit in den USA zu internieren, wurde <i>Nottebohm</i> 1943 in Guatemala mit Blick auf seine deutsche Herkunft als feindlicher Ausländer verhaftet, an die USA ausgeliefert und dort bis 1946 interniert. Nach seiner Freilassung kehrte er nach Liechtenstein zurück, da ihm Guatemala die Wiedereinreise verweigerte. 1949 konfiszierte Guatemala sein im Land gelegenes Vermögen mit der Begründung, er sei ein ausländischer Feind.
</p><p>Daraufhin erhob Liechtenstein am 17. Dezember 1951 für <i>Nottebohm</i> Klage gegen Guatemala vor dem Internationalen Gerichtshof und beantragte festzustellen, dass die Festnahme, Auslieferung und Verweigerung der Wiedereinreise sowie die entschädigungslose Enteignung <i>Nottebohms</i> völkerrechtswidrig gewesen seien und Guatemala zum <a href="Schadensersatz" title="Schadensersatz">Schadensersatz</a> an Liechtenstein verpflichtet sei. Guatemala hielt Liechtenstein nicht für berechtigt, diplomatischen Schutz über <i>Nottebohm</i> auszuüben.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Entscheidung_des_IGH">Entscheidung des IGH</h2></div>
<p>Der Gerichtshof wies die Zuständigkeitsrüge Guatemalas (<i>preliminary objections</i>) zunächst mit Urteil vom 18. November 1953 zurück.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Am 6. April 1955 erging mit 11 zu 3 Stimmen das Endurteil, das die Klage als unzulässig abwies.
</p><p>Nach Auffassung des IGH sollte der Erwerb der liechtensteinischen Staatsangehörigkeit im <a href="Zweiter_Weltkrieg" title="Zweiter Weltkrieg">Zweiten Weltkrieg</a> <i>Nottebohm</i> die Stellung des Angehörigen eines <a href="Neutralit%C3%A4t_(internationale_Politik)" title="Neutralität (internationale Politik)">neutralen Staates</a> sichern. <i>Nottebohm</i> verfügte aber über keine ausreichenden Beziehungen zu Liechtenstein, um die dort erfolgte Einbürgerung, über deren innerstaatliche Wirksamkeit der IGH nicht zu befinden hatte, jedenfalls im völkerrechtlichen Verhältnis als wirksam anzusehen.
</p><p>Der IGH stellte klar, dass es jedem Land frei stehe, über sein innerstaatliches Recht zu bestimmen, wer zu seinem <a href="Staatsvolk" title="Staatsvolk">Staatsvolk</a> gehören soll. Darin liege grundsätzlich kein das <a href="V%C3%B6lkerrecht" title="Völkerrecht">Völkerrecht</a> berührender Vorgang. Denn die Staatsangehörigkeit habe für die meisten Personen ausschließliche Effekte nur innerhalb des Rechtssystems des Staates, der die Staatsangehörigkeit verleiht, und diene der Begründung von Rechten und Pflichten des Staatsangehörigen gegenüber dem Staat, dem er angehört.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die Frage des diplomatischen Schutzes im Ausland regle dagegen nicht das nationale, sondern das Völkerrecht. Insbesondere bei Doppelstaatern könne es dabei zu Konflikten kommen, die dadurch gelöst werden, dass auf die tatsächliche und effektive Staatsangehörigkeit (<i>real and effective nationality</i>) abgestellt werde. Diese bestimme sich danach, zu welchem Staat der Betroffene die stärkeren tatsächlichen Bindungen habe, wobei Wohnsitz, Mittelpunkt seiner Interessen, familiäre Bindungen, Teilnahme am öffentlichen Leben, Verbundenheit zu einem bestimmten Land, die er seinen Kindern vermittele, usw. zu berücksichtigen seien.<sup id="cite_ref-8" class="reference"><a href="#cite_note-8"><span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Es handle sich hierbei um ein Rechtsband (<i>legal bond</i>), das auf der sozialen Tatsache der Verbundenheit (<i>social fact of attachment</i>), einer echten Verbindung (<i>genuine connection</i>) von Existenz, Interessen und Gefühlen sowie dem Bestehen gegenseitiger Rechte und Pflichten beruhe. Man könne sagen, dass es der juristische Ausdruck der Tatsache sei, dass die Person, der die Staatsangehörigkeit zuerkannt werde, sei es direkt durch das Gesetz oder als Ergebnis einer Handlung der Behörden, tatsächlich enger mit der Bevölkerung des Staates verbunden sei, der die Staatsangehörigkeit verleihe, als mit der irgendeines anderen Staates.<sup id="cite_ref-ICJR55-23_9-0" class="reference"><a href="#cite_note-ICJR55-23-9"><span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Diese Grundsätze übertrug der IGH auf den Fall <i>Nottebohm</i>. Die nationalen Regelungen über die Verleihung der liechtensteinischen Staatsangehörigkeit müssten von der Völkergemeinschaft nicht akzeptiert werden, wenn keine echte Verbindung (<i>genuine connection</i>) des Betroffenen zum Staat bestehe, dessen diplomatischen Schutz er in Anspruch nehme.<sup id="cite_ref-10" class="reference"><a href="#cite_note-10"><span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Der IGH stellte fest, dass <i>Nottebohm</i> seit seiner Geburt deutscher Staatsbürger war, stets Verbindungen zu in Deutschland verbliebenen Familienmitgliedern und Freunden aufrechterhalten und stets Geschäftsbeziehungen zu diesem Land hatte. Sein Land habe sich seit mehr als einem Monat im Krieg befunden, und nichts habe darauf hingedeutet, dass <i>Nottebohms</i> damaliger Antrag auf Einbürgerung durch den Wunsch motiviert gewesen sei, sich von der Regierung seines Landes zu distanzieren. Er sei seit 34 Jahren in Guatemala ansässig. Er habe dort seine Aktivitäten ausgeübt. Dort sei der Mittelpunkt seiner Interessen gewesen. Er sei kurz nach seiner Einbürgerung dorthin zurückgekehrt, und es sei der Mittelpunkt seiner Interessen und seiner Geschäftsaktivitäten geblieben. Er sei dort geblieben, bis er 1943 aufgrund von Kriegsmaßnahmen ausgewiesen worden sei. Später habe er versucht, dorthin zurückzukehren, und sich nun über die Weigerung Guatemalas beschwert, ihn wiederaufzunehmen. Auch in Guatemala habe es mehrere Mitglieder seiner Familie gegeben, die versucht hätten, seine Interessen zu wahren.
</p><p>Im Gegensatz dazu seien seine tatsächlichen Verbindungen zu Liechtenstein äußerst dürftig gewesen. Er habe keinen festen Wohnsitz und keinen längeren Aufenthalt in diesem Land zum Zeitpunkt seines Einbürgerungsantrags gehabt. Mit der Klage wurde vorgetragen, dass er dort einen Besuch abgestattet habe, und es sei der vorübergehende Charakter dieses Besuchs durch die Aufforderung, das Einbürgerungsverfahren unverzüglich einzuleiten und abzuschließen, bestätigt worden. Die Absicht, sich dort niederzulassen, sei zu diesem Zeitpunkt nicht geäußert oder in den folgenden Wochen, Monaten oder Jahren verwirklicht worden – im Gegenteil, er sei sehr bald nach seiner Einbürgerung nach Guatemala zurückgekehrt und habe jede Absicht gezeigt, dort zu bleiben. Soweit <i>Nottebohm</i> 1946 nach Liechtenstein gegangen sei, sei dies geschehen, weil Guatemala ihn nicht habe wiederaufnehmen wollen. Es gebe keine Hinweise auf die Gründe, die den Verzicht auf das Wohnsitzerfordernis des liechtensteinischen Staatsbürgerschaftsgesetzes von 1934 rechtfertigten, der ihm stillschweigend gewährt worden sei. Es sei auch nicht behauptet worden, dass er in Liechtenstein wirtschaftliche Interessen oder Tätigkeiten ausgeübt habe oder ausüben werde, und es sei auch keine Absicht geäußert worden, alle oder einen Teil seiner Interessen und Geschäftstätigkeiten nach Liechtenstein zu verlegen. Die einzigen Verbindungen zwischen dem Fürstentum und <i>Nottebohm</i> seien die bereits erwähnten kurzen Aufenthalte und die Anwesenheit eines seiner Brüder in <a href="Vaduz" title="Vaduz">Vaduz</a>.<sup id="cite_ref-11" class="reference"><a href="#cite_note-11"><span class="cite-bracket">[</span>11<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Infolgedessen war Guatemala nicht verpflichtet, <i>Nottebohm</i> als Liechtensteiner zu behandeln und Liechtenstein hatte kein Recht zur Ausübung diplomatischen Schutzes.<sup id="cite_ref-12" class="reference"><a href="#cite_note-12"><span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Bedeutung_der_Entscheidung_des_IGH">Bedeutung der Entscheidung des IGH</h2></div>
<p>Der IGH hat mit der Entscheidung im Fall <i>Nottebohm</i> Grenzen für die Gestaltungsfreiheit des nationalen Staatsangehörigkeitsrechts aufgezeigt, soweit es um die internationale Anerkennung der Staatsangehörigkeit geht. Die Entscheidung betrifft nicht nur Einbürgerungen wie im Falle <i>Nottebohm</i>, sondern auch jede andere Form des Erwerbs, z.&nbsp;B. kraft Abstammung.<sup id="cite_ref-ICJR55-23_9-1" class="reference"><a href="#cite_note-ICJR55-23-9"><span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die Entscheidung wurde in der Völkerrechtslehre kontrovers diskutiert. Kritiker führten an, dass die nationalen Staatsangehörigkeitsregelungen in der Welt vielfältig seien, zum Teil deutlich schwächere Anknüpfungspunkte für den Erwerb ausreichend sein ließen und teilweise auch auf einen permanenten Aufenthalt im Land verzichteten. Ein Staatsangehörigkeitserwerb im Wege des <a href="Ius_soli" class="mw-redirect" title="Ius soli">ius soli</a> sei beispielsweise schon dann völkerrechtlich anerkannt, wenn die Geburt nur zufällig auf dem Staatsgebiet erfolge. Ebenso könne eine Staatsangehörigkeit auf der Grundlage des <a href="Ius_sanguinis" class="mw-redirect" title="Ius sanguinis">ius sanguinis</a> völkerrechtlich wirksam erworben werden, wenn die Eltern im Ausland lebten und der Betreffende selbst niemals in seinem Heimatland lebt.<sup id="cite_ref-13" class="reference"><a href="#cite_note-13"><span class="cite-bracket">[</span>13<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Daher sei eine einheitliche Praxis der Völkerrechtsgemeinschaft (<i>state practice</i>) nicht zu beobachten gewesen.<sup id="cite_ref-Becker_14-0" class="reference"><a href="#cite_note-Becker-14"><span class="cite-bracket">[</span>14<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Hinzu komme, dass im Fall <i>Nottebohm</i> kein Staat mehr für dessen diplomatischen Schutz zuständig sei, was Art.&nbsp;15 der <a href="Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte" title="Allgemeine Erklärung der Menschenrechte">Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte</a>, wonach jeder das Recht auf eine Staatsangehörigkeit habe, widerspreche. Die Entscheidung sei nur aus der Nachkriegssituation verständlich, um
Liechtenstein den diplomatischen Schutz für den früheren deutschen Staatsangehörigen Nottebohm zu versagen, nicht um die rechtliche Wirksamkeit der Einbürgerung in Frage zu stellen.<sup id="cite_ref-15" class="reference"><a href="#cite_note-15"><span class="cite-bracket">[</span>15<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die <a href="V%C3%B6lkerrechtskommission" title="Völkerrechtskommission">International Law Commission (ILC)</a> und weite Teile der Lehre interpretieren das Urteil als Entscheidung über den besonderen Fall <i>Nottebohms</i>. Sie gehen davon aus, dass der IGH keine allgemeine Regel für alle Staaten aufstellen wollte.<sup id="cite_ref-16" class="reference"><a href="#cite_note-16"><span class="cite-bracket">[</span>16<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die ILC habe sich 2006 in Art.&nbsp;4 ihres Entwurfs über den diplomatischen Schutz<sup id="cite_ref-17" class="reference"><a href="#cite_note-17"><span class="cite-bracket">[</span>17<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> vom <i>Nottebohm</i>-Urteil dadurch distanziert, dass sie die Ausübung diplomatischen Schutzes nicht vom Vorliegen einer „natürlichen Nahebeziehung“ abhängig mache.<sup id="cite_ref-18" class="reference"><a href="#cite_note-18"><span class="cite-bracket">[</span>18<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Das Urteil des IGH sei dennoch ein Akt der Rechtsschöpfung, der zum Ausgangspunkt einer entsprechenden Regel des Völkergewohnheitsrechts werden könne.<sup id="cite_ref-Becker_14-1" class="reference"><a href="#cite_note-Becker-14"><span class="cite-bracket">[</span>14<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Für Liechtenstein bedeutete die Entscheidung das Ende der <i>Finanzeinbürgerung</i>.<sup id="cite_ref-19" class="reference"><a href="#cite_note-19"><span class="cite-bracket">[</span>19<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p><i>Nottebohm</i> starb am 28. Januar 1956 im Alter von 74 Jahren in Liechtenstein an den Folgen eines Unfalls.<sup id="cite_ref-20" class="reference"><a href="#cite_note-20"><span class="cite-bracket">[</span>20<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Staatsangeh%C3%B6rigkeitsrecht" class="mw-redirect" title="Staatsangehörigkeitsrecht">Staatsangehörigkeitsrecht</a></li>
<li><a href="Feindstaatenklausel" title="Feindstaatenklausel">Feindstaatenklausel</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li><a href="Andreas_von_Arnauld" title="Andreas von Arnauld">Andreas von Arnauld</a>: <i>Völkerrecht</i>, 5. Auflage, C.F. Müller, Heidelberg 2023, ISBN 978-3-8114-5837-6, §&nbsp;2 B III.</li>
<li>Julien Berger: <i>Staatsbürgerschaft als Ware – von Goldenen Pässen und der Europäischen Union</i>, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://doi.org/10.17104/0044-2348-2021-4-1033">ZaöRV 2021, 1033</a>.</li>
<li><a href="Oliver_D%C3%B6rr" title="Oliver Dörr">Oliver Dörr</a>: <i>Kompedium völkerrechtlicher Rechtsprechung: eine Auswahl für Studium und Praxis,</i> 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, <a href="Mohr_Siebeck_Verlag" title="Mohr Siebeck Verlag">Mohr Siebeck</a>, Tübingen 2014, ISBN 978-3-16-153677-9, S. 177–187.</li>
<li>Oliver Dörrː <i>Nottebohm Case</i>, Max Planck Encyclopedias of International Law [MPIL], <a href="Oxford_University_Press" title="Oxford University Press">Oxford University Press</a>, Oxford 2007, Online abrufbar (englisch).</li>
<li><a href="Volker_Epping" title="Volker Epping">Volker Epping</a> in <a href="Knut_Ipsen" title="Knut Ipsen">Knut Ipsen</a>: <i>Völkerrecht</i>, 8. Auflage, C.H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-79926-6, §&nbsp;7 Rdnrn.&nbsp;71, 85.</li>
<li><a href="Kay_Hailbronner" title="Kay Hailbronner">Kay Hailbronner</a>/Marcel Kau/Thomas Gnatzy/Ferdinand Weber: <i>Staatsangehörigkeitsrecht</i>, 7. Auflage, C.H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-74876-9, Grundlagen, Rdnr.&nbsp;256–268.</li>
<li><a href="Matthias_Herdegen" title="Matthias Herdegen">Matthias Herdegen</a><i>: Völkerrecht</i>, 23. Auflage, C.H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82604-7, §&nbsp;25 Rdnr.&nbsp;6 (S. 227/228).</li>
<li><a href="Peter_Hilpold" title="Peter Hilpold">Peter Hilpold</a>: <i>Die verkaufte Unionsbürgerschaft</i>, <a href="NJW" class="mw-redirect" title="NJW">NJW</a> 2014, 1071.</li>
<li><a href="Thomas_Kleinlein" title="Thomas Kleinlein">Thomas Kleinlein</a>/David Rabenschlag: <i>Auslandsschutz und Staatsangehörigkeit</i>, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.zaoerv.de/67_2007/67_2007_4_b_1277_1338.pdf">ZaöRV 2007, 1277</a>.</li>
<li>E.H. Loewenfeld: <i>Der Fall Nottebohm</i>, AVR 5, 1955, 56.</li>
<li>A.N. Makarov: <i>Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs im Fall Nottebohm</i>, <a href="Za%C3%B6RV" class="mw-redirect" title="ZaöRV">ZaöRV</a> 1955, 56</li>
<li><a href="J%C3%B6rg_Menzel" title="Jörg Menzel">Jörg Menzel</a>/Tobias Pierlings/Jeannine Hoffmann: <i>Völkerrechtsprechung</i>, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, Nr.&nbsp;17 (S. 147 ff.).</li>
<li>K. Odendahl, G. Odendahl: <i>Völkerrecht - Sammlung höchstrichterlicher Rechtsprechung</i>, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Kriftel 1999, ISBN 3-472-03210-3, S. 88–90.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<ul><li><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.icj-cij.org/case/18">Urteil auf der Website des IGH</a>, abgerufen am 26. Dezember 2024.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Amtlich <span style="font-style:normal;font-weight:normal"><a href="Englische_Sprache" title="Englische Sprache">englisch</a></span> <span lang="en-Latn" style="font-style:italic"><i>Nottebohm Case</i> (second phase), Judgement of April 6th, 1955: I.C.J. Reports 1955,&nbsp;p.&nbsp;4.</span></span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://historisches-lexikon.li/Nottebohm-Fall">Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online, Stichwort „Nottebohm-Fall“</a>, abgerufen am 26. Dezember 2024.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text">Zu den wirtschaftlichen Aktivitäten der Familie <i>Nottebohm</i> in Guatemala – die Einbürgerung <i>Friedrich Nottebohms</i> nach Liechtenstein wird auf den Seiten 83 und 87 erwähnt – siehe auch <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.alexandria.unisg.ch/bitstreams/47d3f123-999c-4d41-a3b2-1233d5c80c2d/download">Christiane Berth: <i>Aus Hamburg in die Kaffee-Welten Zentralamerikas: Die Nottebohm Hermanos in Guatemala</i>, in: Ulrich Mücke und Jörn Arfs (Hrsg.): <i>Händler, Pioniere, Wissenschaftler. Hamburger in Lateinamerika</i></a> (PDF), Münster 2010, S. 67–88.</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (15); Epping in Ipsen, <i>Völkerrecht</i>, §&nbsp;7 Rdnr.&nbsp;85.</span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text">§&nbsp;25 Abs.&nbsp;1 StAG in der 1939 geltenden Fassung.</span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Rechtssache Nottebohm (Vorläufige Beschwerdepunkte), Urteil vom 18. November 1953, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1953, 111 (124); amtlich <span style="font-style:normal;font-weight:normal"><a href="Englische_Sprache" title="Englische Sprache">englisch</a></span> <span lang="en-Latn" style="font-style:italic"><i>Nottebohm case (Preliminary Objections), Judgement of November 18th, 1953: I.C.J. Reports 1953, p. 111, 124.</i></span></span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (20).</span>
</li>
<li id="cite_note-8"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-8">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (22).</span>
</li>
<li id="cite_note-ICJR55-23-9"><span class="mw-cite-backlink">↑ <sup><a href="#cite_ref-ICJR55-23_9-0">a</a></sup> <sup><a href="#cite_ref-ICJR55-23_9-1">b</a></sup></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (23).</span>
</li>
<li id="cite_note-10"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-10">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (23); Epping in Ipsen, <i>Völkerrecht</i>, §&nbsp;7 Rdnr.&nbsp;71.</span>
</li>
<li id="cite_note-11"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-11">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (25).</span>
</li>
<li id="cite_note-12"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-12">↑</a></span> <span class="reference-text">IGH, Urteil vom 30. März 1955 – Liechtenstein vs. Guatemala –, <a href="ICJ_Rep." title="ICJ Rep.">ICJ Rep.</a> 1955, 4 (26); von Arnauld, <i>Völkerrecht</i>, §&nbsp;2 B III Rdnr.&nbsp;84 (S.&nbsp;32).</span>
</li>
<li id="cite_note-13"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-13">↑</a></span> <span class="reference-text">Hailbronner/Kau/Gnatzy/Weber: <i>Staatsangehörigkeitsrecht</i>, Rdnr.&nbsp;266.</span>
</li>
<li id="cite_note-Becker-14"><span class="mw-cite-backlink">↑ <sup><a href="#cite_ref-Becker_14-0">a</a></sup> <sup><a href="#cite_ref-Becker_14-1">b</a></sup></span> <span class="reference-text">Becker in Menzel/Pierlings/Hoffmann: <i>Völkerrechtsprechung</i>, Tübingen 2005, S.&nbsp;152.</span>
</li>
<li id="cite_note-15"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-15">↑</a></span> <span class="reference-text">Rittstieg: <i>Doppelte Staatsangehörigkeit im Völkerrecht</i>, <a href="NJW" class="mw-redirect" title="NJW">NJW</a> 1990, 1401 (1402).</span>
</li>
<li id="cite_note-16"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-16">↑</a></span> <span class="reference-text">Kleinlein/Rabenschlag, ZaöRV 2007, 1277 (1283/1284).</span>
</li>
<li id="cite_note-17"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-17">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://legal.un.org/ilc/texts/instruments/english/draft_articles/9_8_2006.pdf">Draft articles on Diplomatic Protection, 2006</a> (PDF) (deutsch: Artikelentwürfe zum diplomatischen Schutz, 2006) <br>
Art. 4 lautet auf Deutsch: Artikel 4 – Staat der Staatsangehörigkeit einer natürlichen Person – Für die Zwecke des diplomatischen Schutzes einer natürlichen Person ist ein Staatsangehörigkeitsstaat ein Staat, dessen Staatsangehörigkeit diese Person gemäß dem Recht dieses Staates durch Geburt, Abstammung, Einbürgerung, Staatennachfolge oder auf eine andere, nicht mit dem Völkerrecht unvereinbare Weise erworben hat.</span>
</li>
<li id="cite_note-18"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-18">↑</a></span> <span class="reference-text">Hilpold, NJW 2014, 1071 (1073); Kleinlein/Rabenschlag, ZaöRV 2007, 1277 (1284).</span>
</li>
<li id="cite_note-19"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-19">↑</a></span> <span class="reference-text">Veronika Marxer, <i>Finanzeinbürgerung</i>, Stand: 25. August 2020, in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein <a rel="nofollow" class="external text" href="https://historisches-lexikon.li/Finanzeinbürgerung">online</a> (eHLFL), abgerufen am 15. Januar 2025.</span>
</li>
<li id="cite_note-20"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-20">↑</a></span> <span class="reference-text"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/fullscreen/000476564_1956/93/">Todesanzeige im <i>Liechtensteiner Volksblatt</i> am 4. Februar 1956</a>, S.&nbsp;5, abgerufen am 1.&nbsp;Januar 2025.</span>
</li>
</ol>
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